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MI | 11.04.2012
Kobersdorfer Synagoge (Bild: Kobersdorf)
KULTUR
Buch über jüdische Gemeinde Kobersdorf
Ein neues Buch über die jüdische Gemeinde Kobersdorf wurde nun im Jüdischen Museum in Wien präsentiet. Der Kobersdorfer Erwin Hausensteiner hat sich auf die Spuren der 1938 vertriebenen Kobersdorfer Juden begeben.
Erschütterndes Dokument
Entstanden ist ein informatives und auch erschütterndes Buch mit dem Titel "Die ehemalige jüdische Gemeinde Kobersdorf".
"Sie sind einfache Leute, die Kobersdorfer"
"Sie sind einfache Leute, die Kobersdorfer. Eine Kehilla prosterer Juden, meist Viehhändler und Hausierer, die tagsüber auswärts sind oder gar erst vor Sabbateingang nach Hause kommen und wenig Zeit, auch nicht besondere Neigung zum Lernen haben". So beschreibt Otto Abeles 1927 die jüdische Gemeinde in Kobersdorf, eine der berühmten sieben heiligen Gemeinden des Burgenlandes.
Wenig geblieben
Mehr als 80 Jahre später ist davon außer einer notdürftig vor dem Verfall bewahrten Synagoge und einem Friedhof mit mehreren hundert Grabsteinen nichts geblieben - und das ist mehr als in den meisten anderen Gemeinden.
Mauer des Schweigens
Autor Erwin Hausensteiner ist gelernter Baumeister und war auch Bürgermeister seiner Heimatgemeinde Kobersdorf.

Hausensteiner ist Jahrgang 1940. In seiner Jugend stieß er auf eine Mauer des Schweigens, wenn er nach dem Schicksal der jüdischen Mitbewohner fragte, über die nur hinter vorgehaltener Hand noch hin und wieder gemunkelt wurde.
240 Seiten starkes Buch.
Spärliche Dokumente
Hausensteiner hat es übernommen, seine Mitbürger an dieses Thema heranzuführen, erst in Aufsätzen in der Gemeindezeitschrift, jetzt in einem 240 Seiten starken Buch.

Was wurde aus den mehr als 200 Mitbürgerinnen und Mitbürgern jüdischen Glaubens, die vor 1938 das Kobersdorfer Kulturleben mitgeprägt haben? fragte sich Hausensteiner und begann zu recherchieren. Die schriftlichen Dokumente waren spärlich, denn ganz am Ende des Krieges wurden sie mitsamt dem Gemeindeamt in Brand gesteckt.
Matrikelbücher und Heimatrechtsdatei
Übrig geblieben waren Matrikelbücher und die sogenannte Heimatrechtsdatei, die entspricht dem heutigen Einwohnermelderegister.
Zeitzeugen befragt
Zu seinen wichtigsten Informationsquellen wurden für Erwin Hausensteiner aber Zeitzeugen.
Das jüdische Kobersdorf hatte eine Hochblüte im 19. Jahrhundert - auch als Sommerfrische.
Ab 1529
Erwin Hausensteiner unternimmt in seinem Buch den Versuch, die Geschichte von der ersten jüdischen Ansiedlung im Jahr 1529 bis zur grausamen Verfolgung und Ausrottung durch die Nationalsozialisten nachzuzeichnen. Das jüdische Kobersdorf hatte eine regelrechte Hochblüte im 19. Jahrhundert - auch als Sommerfrische.
Mai 1938 waren alle Familien vertrieben
Ende Mai 1938 waren alle jüdischen Familien aus Kobersdorf vertrieben. Damit ging das mehr als 400 Jahre dauernde Zusammenleben in Kobersdorf unwiderbringlich zu Ende.
Alle aufgelistet
Kleine Handwerker und Händler waren die Kobersdorfer Juden bis zu ihrer Vertreibung. Erwin Hausensteiner hat sie alle aufgelistet, Hacker, Gerstl, Grünwald, Goldberger, Riegler oder Kornfein haben sie geheißen, in Auschwitz, Dachau, Theresienstadt oder Lodz sind sie umgekommen. Wenige haben überlebt.
Beispiel Pepi Hacker
Exemplarisch hat Erwin Hausensteiner in sein Buch auch Schilderungen von Einzelschicksalen aufgenommen. Etwa das von Pepi Hacker, dem Fußballer, der in den 30er-Jahren die auswärtigen Spieler auf seiner Beiwagenmaschine zu den Matches nach Kobersdorf kutschierte.

Er war der Sohn des Fleischhauers Benedikt Hacker und seiner Gattin Theresia. Die Familie wohnte gleich neben der Synagoge in der Schlossgasse 23. 1938 konnte sie vorerst nach Frankreich auswandern, wo sie im Juni 1940 von der Nazi-Vernichtungsmaschinerie eingeholt wurde.

Pepi Hacker, sein Bruder Oskar - auch eine Stütze des Kobersdorfer Fußballvereins - und seine Eltern wurden im Feber 1944 in Auschwitz vergast.
Buch gibt es über das Gemeindeamt
Zu beziehen ist es über das Gemeindeamt Kobersdorf.
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